Gedankensplitter: Wie ist es, ein Tribut von Panem zu sein?

Gedankensplitter ist eine neue Kategorie, die ermöglichen soll, dass kleine Diskussionen oder Gedankengänge, wie sie zu oft infolge eine Artikels oder einer anderen geistigen Umnachtung, am Stammtisch oder nachts, zwischen Wachen und Schlafen, entstehen, hier Raum finden. Dabei soll es nicht um Beantwortung von Fragen gehen, sondern vielmehr darum, diese Gedankensplitter öffentlich zu machen und Leser zum Diskutieren anzuregen.

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Stellt euch vor

23. Genau so viele Kandidaten stehen zwischen dir und einem Leben nach den Hungerspielen. Kreisförmig angeordnet warten alle auf den Startschuss. Auf das Gemetzel. Noch zehn Sekunden lang läuft der Timer rückwärts, dann geht es los. Dein Blut pocht dir in den Ohren. Solltest du so schnell es geht in die Mitte zu den Waffen rennen, oder schleunigst das Weite suchen? Wie erringst du am ehesten die Sympathie eines Sponsors, der dich mit wertvollen Geschenken versorgen kann? Oder sitzt du vielleicht doch nur in Unterhemd und Boxershorts vor dem Fernseher und schaust dir das Spektakel an? Wahrscheinlich hat sich jeder von uns schon gefragt, was wäre, wenn es die Hungerspiele wirklich geben würde.

Was würdet ihr also machen, wenn es hieße „Willkommen zu den 75. alljährlichen Hungerspielen“?

Würdet ihr euch echte Panem-Spiele im Fernsehen anschauen, oder wie würdet ihr euch als Tribute verhalten?

Haben wir nicht schon längst in den Zeiten von Snuff-Filmen und ins Netz gestellten Hinrichtungen eine Vorstufe von Panem erreicht? Wären Hungerspiele denkbar?

8a077c645aa45a3e817589f67776fc9cJannik: Ich denke, dass reale Hungerspiele eine gigantische Quote hätten. Natürlich wäre die Kritik ohrenbetäubend, aber das würde nur noch mehr Menschen dazu animieren, einzuschalten. Warum guckt man sich das Dschungelcamp an und schaut dabei zu, wie die Kandidaten einen Hoden nach dem anderen verspeisen? Um mitreden zu können. Weil Realität reizvoller ist als Fiktion. Weil man froh ist, nicht in der gleichen Situation zu sein. Warum schauen wir uns denn die Filme von den Tributen von Panem an? Weil wir Dramatik und Blut sehen wollen. Reale Hungerspiele wären derzeit unvorstellbar und im Moment wirkt es auch so, als hätte das Fernsehen seine Grenzen erreicht – Ekel ja, Gewalt und Tod nein. Doch wer weiß, wie sich die Gesellschaft und damit verbunden auch die Medien in der Zukunft entwickeln werden.

Was wäre meine Strategie als Tribut bei den Hungerspielen? Nun, es ist denke ich am Wichtigsten, schon in der Vorbereitung Verbündete zu suchen, mit denen man gemeinsam die ersten Stunden überleben kann. Ich würde auch nicht am Anfang der Spiele Hals über Kopf versuchen, mir eine Waffe zu ergattern, da in diesem Moment das Risiko am größten ist, getötet zu werden. Nein, lieber würde ich mich umgehend mit meinen Verbündeten in Sicherheit bringen und bei Nacht und Nebel alles zusammenstehlen, was wir brauchen. Das Problem: Bei den Hungerspielen hält keine Freundschaft ewig. Und mit meinen zwei Metern gebe ich selbst im Dschungel ein leichtes Ziel ab. Verdammt.

705279ce36a4fd3c128000e07b8d02ebNadja: Die Frage, ob ich mir die Spiele im Fernsehen anschauen würde, lässt sich so leicht nicht beantworten. Ich denke, Hungerspiele nun im Jahre 2014 würde es in Europa nie geben. Wenn in einem anderen krisengeprägten Land Ähnliches passieren würde, dann würde man abgeschreckt dagegen protestieren. Doch trotz Abschreckung würde man vielleicht trotzdem hinschauen, wenn es irgendwo Bildausschnitte in den Nachrichten geben würde. Zu groß die Faszination oder auch einfach die Neugierde, wie sowas wirklich sein kann. In einer fernen Zukunft sind Hungerspiele schon weniger abwegig. Und ich würde dann wahrscheinlich auch zuschauen, denn dann ist es schließlich Gewohnheit, eine 75 Jahre alte Tradition mit der man aufgewachsen ist.

Auch die Frage, wie ich mich als Tribut verhalten würde, ist schwierig. Aber wahrscheinlich würde sich die Sache erübrigen, da ich spätestens bei der Wahl, wenn mein Name aus dem Topf gezogen wird, tot umfallen würde. Dennoch, das Schicksal ist grausam, wahrscheinlich würde ich die Ernte doch überleben. Das Gefühl, wie man sich als zum Tode Verurteilter fühlt, erschreckt mich und interessiert mich zugleich, da ich einfach nicht begreifen kann, wie man an dem Wissen nicht verzweifelt und durchdreht. Selbstmord vor den Spielen? Eine Möglichkeit. Aber die Hoffnung, vielleicht doch heil aus der Sache rauszukommen, wäre wahrscheinlich stärker. Wer weiß, in einer Zeit, wo es Hungerspiele gibt, vielleicht könnte ich dann ja auch was super tolles, wie Bogenschießen oder Leuten Kehlen durchbeißen. Vielleicht hätte ich dann eine Chance. Wenn ich doch mit hoffnungslosem Nichts-Können gesegnet wäre, dann hätte ich immerhin noch meinen Verstand (wenn ich vorher nicht an meinem Schicksal durchgedreht bin): Dann würde ich mich einfach verstecken, bis alle tot sind, und vielleicht aus dem Versteck heraus sichere Angriffe wagen.

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