Die Macht des Bösen – wie Marvel sein Antagonisten-Problem lösen kann

“The reason for evil in the world is that people are not able to tell their stories.”
― C.G. Jung

Marvel und seine Antagonisten. Es ist immer wieder das selbe Thema. Die einen wünschen sich mehr dreidimensionale Gegenspieler für ihre Lieblingssuperhelden, die anderen verteidigen Marvel mit der Begründung, das Filmstudio wolle sich nun mal auf die Helden konzentrieren und die Bösewichte seien dabei nur Mittel zum Zweck, die Charakterentwicklung des Helden voranzutreiben. Und außerdem hat ein Film ja auch nur Platz für eine Geschichte – die des Helden ODER die des Gegners.

Die ersten Schritte

Malekith, Yellowjacket, Ronan, Obadiah Stane, Dormammu. Die Liste von Bösewichten im MCU (Marvel Cinematic Universe) wird immer länger, doch kaum einer schafft es, im Gedächtnis zu bleiben. Das ist und war seit jeher ein großer Kritikpunkt und ein kritischer Schwachpunkt, gerade im direkten Vergleich mit der Konkurrenz von DC. Grund dafür ist das ursprüngliche Paradigma Marvels, die Helden in den alleinigen Mittelpunkt zu rücken und lediglich deren Geschichte zu erzählen. Doch als die Schreie der Fans nach einem vielschichtigen, mitreißenden Bösewicht lauter wurden, fing das Filmstudio an sich Gedanken zu machen.
Marvels erster Versuch, mit Ivan Vanko (Iron Man 2, 2010) einen komplexen Antagonisten zu zeigen, wurde zugunsten der Hauptfigur fallen gelassen. Sein Darsteller Mickey Rourke kritisierte, man habe wichtige Szenen für Vankos Charakterentwicklung herausgeschnitten. Doch die Tatsache, dass diese Szenen überhaupt gedreht wurden, ist immerhin ein gutes Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung.
Ein weiterer Ansatz war Ultron (Avengers: Age of Ultron, 2015), eine KI, die die Menschheit vernichten will, um die Erde zu retten. Ein uneigennütziges Ziel, das zum Nachdenken anregt, doch Ultron ist nicht menschlich genug, um Empathie auszulösen.
Für The first Avenger: Civil War (2016) präsentierte Marvel einen Antagonisten ganz nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Helmut Zemo hat keine Superkräfte, keine riesige Armee, kein ewiges Leben, keinen unendlichen Reichtum. Er will auch nicht die Welt zerstören. Er ist nur ein Mann, getrieben von einem Ziel: Rache. Rache an den Avengers, die seine Familie auf dem Gewissen haben. Sein raffinierter Plan, einen Keil zwischen die Helden zu treiben, fruchtet und löst einen Konflikt unter den Avengers aus, die sich gegenseitig bekämpfen, während Zemo das Schauspiel aus der zweiten Reihe genießt. Der schmächtige Mann mit Karohemd, Hornbrille und Aktentasche wirkt im Vergleich zum galaktischen Feldherrn Malekith beinahe lächerlich armselig und machtlos, doch das macht ihn nicht weniger einprägsam. Mit Helmut Zemo hat Marvel einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, auch wenn er am Ende nur der elegante Weg ist, die Entwicklung der Helden ins Scheinwerferlicht zu rücken.

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Der Weg zum perfekten Antagonisten

Zugegeben, einen perfekten Antagonisten gibt es nicht. Doch es gibt Wege und Möglichkeiten, einer Figur Leben einzuhauchen und sie zu mehr zu machen, als einem charakterloses Phänomen, das als Katalysator für die Heldenentwicklung fungiert und bekämpft werden muss. Ein faszinierender, im Gedächtnis bleibender Antagonist sollte (wie der Protagonist auch) eine dreidimensionale Figur sein, Charaktertiefe, sowie Authentizität aufweisen und Emotionen auslösen. Am besten geht das nach der alten literarischen Erfolgsformel: Show, don’t tell. Das missachtet Marvel (schlicht aus Zeitgründen) oft, wenn es um die Bösewichte geht.
In Dr. Strange (2016) wird dem Protagonisten beispielsweise erzählt, sein Gegenspieler Kaecilius sei vom Tod seiner Liebsten gebrochen und von Schmerz erfüllt. Dies wird allerdings nie gezeigt und so kann auch keine Empathie entstehen.
Um eine dreidimensionale Figur zu erschaffen, braucht diese vor allem vier Dinge:

  1. Ein Ziel. Wie oft die (cineastische) Welt wohl schon kurz vor dem Untergang stand? Die Zerstörung der Erde ist immer eine gute Motivation, um Helden zum Handeln zu zwingen, doch etwas wirklich neues ist es schon lange nicht mehr. Besser gefällt da die persönliche Rache an den Avengers durch Helmut Zemo in The first Avenger: Civil War mit den Ziel, die Helden gegeneinander auszuspielen und zu entzweien.
  2. Einen Grund. Niemand ist von Natur aus böse. Die Hauptmotivation für die meisten Bösewichte scheint Machthunger zu sein. Wie wäre es mit etwas innovativerem, wie Liebe, Rache, Verrat, Eifersucht oder einfach eine verdrehte Weltanschauung? Emotionen zeigen Menschlichkeit und wecken im Zuschauer Empathie und Verständnis für die Taten des Antagonisten. Um die Motive und den Standpunkt einer Figur zu verstehen, braucht sie eine (tragische) Hintergrundgeschichte. Wer weiß, vielleicht kämpft der Gegenspieler des Helden ja doch für eine gerechte (oder wenigstens nachvollziehbare) Sache?
  3. Schwächen. Perfektion ist langweilig. Größer, unbesiegbarer, mächtiger – über Jahre hinweg versuchten sich Antagonisten in Punkto Unsterblichkeit, Unbezwingbarkeit und Grenzenlosigkeit ihrer Macht gegenseitig zu übertreffen. Diese Eigenschaften mögen den Bösewicht vielleicht zu einem schwerer zu besiegenden Feind machen, aber sicherlich nicht zu einem besseren Antagonisten. Eine Figur, die nicht nur einen zwischenmenschlichen Kampf austrägt, sondern auch einen inneren, ist immer interessanter. Es ist an der Zeit, einen Schritt zurück zu machen – und Bösewichten die selbe Menschlichkeit wie den Helden zuzugestehen.
  4. Zeit. Nur wenige Antagonisten (oder Protagonisten) schaffen es, in lediglich zwei Stunden eine wirklich fesselnde Charakterentwicklung durchlaufen. Man braucht ja auch nicht für jeden Film einen neuen Bösewicht. Vielmehr sollte der Gegenspieler über mehrere Filme hinweg die Chance bekommen, die Helden zu bekämpfen – und den Fans ans Herz zu wachsen. Für Abwechslung im Lager des Bösen sorgen diverse Handlanger, die von Film zu Film variieren.

I am Loki, of Asgard, and I am burdened with glorious purpose.“ – Lernen von Loki

Wo kann sich das MCU denn nun also von guten Bösewichten inspirieren lassen? Etwa bei DC und dem „Joker-Kult“? Bei den X-men und Magnetos tragischer Geschichte? Sicherlich immer einen Blick wert und ein vielversprechender Versuch, doch es geht einfacher – in den eigenen Reihen!
Ein wichtiger Name ist bisher noch nicht gefallen: Loki, der durchtriebene Adoptivbruder von Thor, ist das perfektes Beispiel für einen gelungenen Antagonisten im MCU.
Sein Hauptziel ist nicht die Vernichtung der Erde (obwohl man ihm nicht vorwerfen kann, er hätte es nicht ein, zwei mal versucht), selbst die Gier nach dem Thron Asgards ist nur ein Symptom seines Verlangens. Seines Verlangens nach Zuneigung, Akzeptanz und Wertschätzung. („I never wanted the throne, I only ever wanted to be your equal!“) Ein Gott mit Minderwertigkeitskomplex. So lächerlich sich das anhört, es ist ehrlich, verständlich, nachvollziehbar – menschlich. Und darum funktioniert es. Obwohl er sie hinter einer Fassade von Hochmut verbirgt hat Loki Schwächen. Er ist verzweifelt und frustriert, fühlt sich über- und hintergangen, allein, fremd und vernachlässigt. Emotionen, die sicherlich jeder schon einmal hatte.

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I’ll do it myself.“ – Das Zeitalter von Thanos

Marvel ist also in der Lage, vielschichtige Antagonisten zu erschaffen, das Problem war stets das sture Festhalten am polarisierenden Dogma, eine Geschichte werde ausschließlich durch den Helden erzählt.
Produzent Kevin Feige gestand: „A big criticism of ours is that we focus on the heroes more than the villains, I think that’s probably true.“, prophezeite aber: „I don’t think it will always be true.”
Passend dazu verkündete er vor kurzem, man habe vor, Thanos in Avengers 3: Infinity War eine (wenn nicht sogar DIE) zentrale Rolle spielen zu lassen.
Bisher hatte Thanos lediglich Kurzauftritte in drei Filmen, allerdings verrät ein Blick in die Comics (oder ins Marvel Wiki), dass der missverstandene Titan mit einer besonderen Liebe für den Tod noch einiges an Potential innehat. Man darf gespannt hoffen, dass Thanos in Avengers 3: Infinity War endlich ins Scheinwerferlicht tritt – und seine Geschichte erzählen darf.

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