Der Mond besteht aus Käse

Als ich letztens mein Letterboxd-Profil auf der Suche nach diesjährigen Lieblingsfilmen überflog, wurde ich unter anderem an die Polit-Doku The Unknown Known und Luc Bessons pseudo-wissenschaftlichen Actionfilm Lucy erinnert. Und während ich so darüber nachdenke, was ich an den beiden eigentlich toll finde, merke ich allmählich, wie sich mir ein ideologischer Gewissenskonflikt auftut. Wenn ich die Aussage von Lucy befürworte, müsste ich dann ebenso Donald Rumsfeld beistimmen und somit den Irakkrieg rechtfertigen? Kopfschmerzen und ein konfuser Blog-Artikel waren die Folge.

In The Unknown Known interviewt Dokumentar-Legende Errol Morris den ehemaligen US-Verteidigungsminister (2001 – 2006) Donald Rumsfeld. Doch statt ihn mit direkt gestellten Fragen zur Irakinvasion zu attackieren, geht Morris den Umweg, den Mann hinter dem verschmitzten Grinsen verstehen zu wollen. Peinlich offensichtliche Fragen wurden von Reportern in den letzten Jahren ohnehin zu Genüge gestellt und den meisten davon konnte Rumsfeld mit verklausulierten Nicht-Antworten ausweichen. Diese sollen nun entwirrt werden. Fünf Monate nach den Angriffen vom 11. September wurde Rumsfeld nach Beweisen für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak befragt, die als Kriegbegründung herhielten, und er präsentierte der Öffentlichkeit folgende Logik:

Reports that say that something hasn’t happened are always interesting to me, because as we know, there are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns — the ones we don’t know we don’t know. And if one looks throughout the history of our country and other free countries, it is the latter category that tend to be the difficult ones.

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Known knowns: Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Known unknowns: Wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Unknown unknowns: Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen (also quasi Ereignisse, deren Eintreten wir uns nicht einmal vorstellen können). Auf weitere klarheitssuchende Fragen antwortet er, er hätte genauso gut auch sagen können: “Das Nichtvorhandensein von Beweisen ist kein Beweis für ein Nichtvorhandensein”. Morris kritisiert, dass sich mit dieser Denkweise alles rechtfertigen ließe und zieht den Vergleich zu simpler Aussagenlogik. Schon im Matheunterricht wurde eingehämmert: Aus Falschem folgt Beliebiges. Weil die Sonne im Westen aufgeht, findest du jetzt 100 Euro unter deinem Tisch.

Jetzt habe ich mich mittlerweile aber so viel mit Rumsfelds Aussagen beschäftigt, dass sie mir sinnvoller und “wahrer” erscheinen, je länger ich darüber nachdenke. Beispiel: Ich behaupte, eine Giraffe stünde in meinem Zimmer. Jeder, der in mein Zimmer guckt, kann aber keine Giraffe sehen, was ihr Nichtvorhandensein beweisen würde. Wenn ich aber behaupte, ein Floh sei in meinem Zimmer, wird es schon schwieriger, das Nichtvorhandensein des Flohs durch bloßes (Nicht-)Sehen mit dem Auge zu beweisen. Man könnte jetzt sagen: “Nimm eine Lupe und wenn du den Floh dann noch nicht findest, ist das der Beweis”. Allerdings impliziert das zum einen, um Nichtvorhandensein zu beweisen, müsse man nur gründlich genug suchen, und zum anderen, dass das Beweisen vom Nichtvorhandensein abhängig von unserer Wahrnehmung ist. Und Wahrnehmung ist im Endeffekt subjektiv. Hier kommen Newton, Biophilosophen, Scharlatane, der Papst und Lucy ins Spiel.

Luc Bessons Prämisse wirbt frech damit, Menschen würden nur 10% ihres Gehirns nutzen und wenn sie diese überstiegen, bekämen sie Superkräfte. Meinungstummelplätzen wie Metacritic zufolge ist das den meisten Zuschauern und Kritikern zu blöd, weshalb sie den Film schlechter bewerten als wesentlich ernstzunehmenderere Sci-Fi-Kost, in der bewaffnete Waschbären mit Bäumen sprechen und durchs Weltall fliegen. Klar.

Schafft man es jedoch, Lucys Grundidee zu akzeptieren, wird man auf ein virtuoses Metaphysik-Abenteuer mitgenommen, das im finalen Drogenrausch aussagt, wir sollten endlich aufhören, die Welt nur nach beschränkten menschlichen Maßstäben wahrzunehmen. Wenn wir beispielsweise sagen, ein gewisser Gegenstand sei rot, ist dieser als Objekt nicht wirklich rot, sondern unsere Wahrnehmung (Lichtstrahlen, Auge, Nerven, Gehirn) interpretiert ihn als rot. Das raffte bereits Isaac Newton:

Das homogene Licht und die Strahlen, welche rot erscheinen oder vielmehr, welche die Gegenstände rot erscheinen lassen, nenne ich “Rot erregende”, die Lichtstrahlen, welche die Körper gelb, grün, blau und violett erscheinen lassen, Gelb erregende usw. Und wenn ich einmal von Lichtstrahlen als farbigen oder gefärbten Strahlen spreche, so ist dies nicht wissenschaftlich oder im strengsten Sinne zu verstehen, sondern als gewöhnlicher, volkstümlicher Ausdruck, entsprechend der Vorstellung, die sich das gemeine Volk beim Anblick dieser Versuche bilden würde. Denn streng genommen sind die Strahlen nicht gefärbt; in ihnen liegt nichts als eine gewisse Kraft und Fähigkeit (!), die Empfindung dieser oder jener Farbe zu erregen […] so sind die Farben an den Objekten nichts anderes als die Fähigkeit, diese oder jene Strahlen reichlicher zu reflektieren als die anderen, und in den Strahlungen nichts anderes als die Fähigkeit, diese Bewegung bis in unser Empfindungsorgan zu verbreiten, im letzteren die Empfindung dieser Bewegungen in Gestalt von Farben.

(Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, Nr. 96, 1989)

Biophilosoph Eckart Voland formuliert es drastischer, wenn er Farbwahrnehmung als “vom Gehirn generierte Erlebnisqualitäten […] in einer absolut farblosen Welt” bezeichnet. Wenn wir uns also nicht einmal auf Farben verlassen können, worauf ist dann überhaupt noch Verlass? Wir wissen vielleicht, dass wir leben, aber alles, was wir er-leben, hat nichts mit Objektivität zu tun, sondern mit mehrheitlicher Übereinstimmung basierend auf den überzeugendsten Argumenten. Wir verlassen uns auf die Kompetenzen der Wissenschaft und deren neueste Erkenntnisse. Wir verlassen uns auf Politiker und Medien. Behauptet ein Verrückter, er sei ein Huhn, könnte er vielleicht wirklich ein Huhn sein, aber niemand glaubt ihm, weil er mit seiner Meinung in der Minderheit ist.

Es gibt die Theorie: “You can’t prove a negative”. Klingt nach Blödsinn. Man will sofort mit einer Rechenaufgabe aufs Gegenteil hinweisen: 4 + 1 = 6 wäre falsch, weil sich nur 4 + 1 = 5 belegen lasse. Fügt man vier Äpfeln einen weiteren hinzu, hat man sichtbar fünf. Aber was hat man damit eigentlich bewiesen? Man hat bewiesen, dass 4 plus 1 gleich 5 ist, aber man hat nicht widerlegt, dass 4 plus 1 nicht irgendwie auch gleich 6 sein kann. Die Theorie besagt, es ließe sich nie beweisen, dass etwas nicht existieren könne.
Anderes Beispiel: Ich will einen Gegenstand, ohne ihn zu zerteilen, an zwei separate Personen weitergeben. Ich gebe ihn Person A, Person A hält ihn in der Hand und ich sehe, dass Person A den Gegenstand besitzt. Nun gehe ich zu Person B, strecke meine leere Hand aus, und Person B behauptet, denselben Gegenstand jetzt auch zu besitzen. Alle meine Sinne überzeugen mich davon, dass Person B den Gegenstand nicht hat. Aber woher will ich wahrhaftig wissen, dass der Gegenstand in irgendeiner Dimension, die meine jetzigen Sinne übersteigt, nicht trotzdem bei Person B ist? Vielleicht habe ich in einer parallel laufenden Realität Person B den Gegenstand gegeben?

Wie hätten Rumsfelds Kritiker also je beweisen können, dass Hussein keine Massenvernichtungswaffen besaß? Das Nichtvorhandensein von Beweisen ist kein Beweis für Nichtvorhandensein. Eine Falschaussage lässt sich nicht beweisen. Und am gefährlichsten sind die Dinge, von denen wir uns nicht einmal vorstellen können, dass sie uns bedrohen könnten. Wie schützt man sich vor Zeitreisenden und sind Zeitreisende vielleicht gar kein „unknown unknown“ mehr, weil wir sie uns ja vorstellen können? An einer Stelle in The Unknown Known liest Rumsfeld folgende seiner Kurzmitteilungen vor: „Alle Verallgemeinerungen sind falsch. Einschließlich dieser.“ und grinst dabei selbstsicher wie der Kater aus dem Wunderland.

Vielleicht war der Irakkrieg doch ok.

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