„Revolutionär ist nur die Bombe“

Janek, Boris, Stepan

Wie weit darf man für eine Idee gehen? Ist es erlaubt, ja sogar geboten für eine Hoffnung auf eine bessere Welt zu morden? Eine Antwort geben die „Gerechten“ nicht. Die Notwendigkeit über diese Fragen nachzudenken, verschafft die Gegenwart. Lust dazu macht die Inszenierung der Schwarzen Schafe allemal.

Wie gerecht kann Töten und Sterben um der Idee willen sein? Das ist die Frage, um die sich alles in Camus Stück dreht. Schon bei der Uraufführung 1949 ein Stoff von Brisanz und Tiefe. Blicken wir diese Tage nach Norwegen, nach Israel und Palästina und in die arabische Welt, so hat die Thematik um Liebe und Gerechtigkeit nichts an Aktualität und Dramatik eingebüßt. Mit den Kategorien „gut und böse“, „weiß und schwarz“ sollte man sich dem jedoch nicht annähern wollen, wie „die Gerechten“ auf der Bühne beweisen.

Der kleine Saal in der Stadthalle ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die Zuschauer erwartet ein kahler Holztisch, auf dem Gläser und eine Flasche Wodka stehen – inmitten eines kühlen Raums, mitten in der Stadt und doch weitab der Welt, eine Mischung aus Kontrollturm und Bunker. „„Revolutionär ist nur die Bombe““ weiterlesen

Der Diener Zweier Herren

Bunte Figuren springen, watscheln, tänzeln, stampfen und schleichen über die Bühne des Römischen Theaters in der Eremitage. Carlo Goldonis „Der Diener Zweier Herren“ feierte am 04.06. unter der Regie von Dominik Kern Premiere und beschert einen temporeichen und unterhaltsamen Abend.

Irgendwie ist man enttäuscht, wenn man endlich am Römischen Theater angekommen ist. Zwanzig Minuten vor Beginn der Premiere sind kaum Zuschauer da. Ein Zeltpavillon mit einem Biertisch ist die Kasse, dahinter eine Holzbude und Langnese-Stehtische. Es gibt ein bisschen was zu trinken und in der Pause Bratwürste. Irgendwann ertönt ein Gong, der Einlass beginnt, der Zuschauerraum füllt sich dann doch beinahe ganz. Die Produktion der Studiobühne kann losgehen.

Die Handlung ist eine einfache (aber dadurch nicht weniger amüsante) Verwechslungsgeschichte. Der Diener Truffaldino dient auf einmal zwei Herren, einer davon ist allerdings eine Frau in Männerkleidern. Die beiden aber wiederum sind ehemalige Geliebte und auf der Suche nacheinander. Missverständnisse, Duelle, sich verzehrende Liebende – Goldonis Stück steht ganz in der Tradition der Commedia dell’Arte.

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Schrottengel

Oder „Ich scheiß drauf, was normale Menschen tun.“

Wie sich Leute abmühen miteinander auszukommen, Beziehungen einzugehen und wie eigenartig diese Versuche sein können, zeigen die vielen Sonderlinge in Petr Zelenkas schwarzer Komödie.

Lakonischer Humor, absurde Dialoge und ein schnelles Tempo machen die Intensität und den Charme des Stückes aus. Das Abschlussprojekt von Benno Scheler und Cindy Mikosch ist schon bei Betreten des Theatersaals nicht ganz normal: Tische mit Stühlen stehen dort, wo normalerweise die Stuhlreihen für das Publikum aufgereiht sind. Gehören die nun zum Metier der Schauspieler oder zu dem der Zuschauer? Die vielen Erdnussschälchen bringen Gewissheit. Nicht weniger sonderbar erscheint die Wohnung des Protagonisten Petr: Ein Bett aus unzähligen Zeitungsartikeln, daneben ein Kasten Bier und ein Telefon. Dementsprechend skurril ist seine Welt: „Schrottengel“ weiterlesen

Eine Anleitung zum Überleben

Ein sehr langes Semester ist vorüber und mit drei, zum Glück gut verlaufenen, Aufführungen, findet auch die Arbeit an meinem ersten  eigenen Theaterprojekt ein Ende. Auf dem Weg zurück bleiben: Eine kilometerlange Telefonliste, ein paar wunderbare neue Feindschaften und mindestens drei Nervenzusammenbrüche.

Dabei hat die Zusammenarbeit mit meinen Darstellern und Helfern eigentlich wunderbar funktioniert, niemand kam zu Schaden und alles war eins a pünktlich bereit. Wie dieses Paradoxon zustande kommt? Die Antwort ist ebenso schlicht wie aussagekräftig (wenigstens für alle, die sich schon einmal an einem Theaterprojekt an der Uni Bayreuth versucht haben): THEATERRAUM! „Eine Anleitung zum Überleben“ weiterlesen

Schiller reloaded

Ein zwiegespaltener Charakter gemischt mit etwas Medienschelte und einem Brecht´schen Offkommentar – schon hat man Schiller in die Moderne gebeamt. Heraus kommt: „Luise vs Luise“

Der kleine Saal in der katholischen Hochschulgemeinde in Bayreuth ist wieder einmal gut besucht. So gut sogar, dass die Souffleuse zu Beginn erst einmal als Platzanweiser einspringen muss. Als dann endlich alle Besucher auf einem Stuhl saßen konnte es los gehen. Auf dem Spielplan steht eine Bearbeitung des Klassikers Kabale und Liebe. Wer jetzt denkt, das haben wir doch schon zu oft gesehen, der sollte überrascht werden. „Schiller reloaded“ weiterlesen

Die Träumer – ein düsterer Traum der ganz anderen Art

Zwei Personen, eine Bühne, das Stück “Tagträumer” von William Mastrosimoe, Fingerfarben, Bilder und Musik – das waren die Grundlage für die Inszenierung “Die Träumer” von Katharina Sturm. Ein Stück das berührt, verwirrt und einfach mal anders ist.

Jeden, den man danach befragen würde, wird es anders finden, denn dieses Stück ist nicht wie jedes andere, es ist etwas besonderes. Der Text des Stückes ist eine wunderbare Sprache, wie ich finde, die jedem ein anderes Bild vermittelt, und oft zu deftig ist, doch nicht jedem gefällt er. Einige fanden die Inszenierung gut, aber das Stück gefiel ihnen nicht. Ich finde ihr ist eine tiefe, rührende Geschichte gelungen, die gut von den beiden Darstellern umgesetzt wurde, doch manchmal nehme ich ihnen das Spiel nicht ab und sehe nicht ihre Figur, sondern sie selbst, wie sie spielen.

Schlecht bezahlte Schauspieler?

Die Zuschauer erwartet ein düsteres Szenario, als sie den Theaterraum betreten: minimalistische Beleuchtung, ein Schimmer des aufkeimenden Mondes, in den Raum geworfen durch eine Lücke in der ansonsten gänzlich geschwärzten Fensterfront. Auf der Bühne die gesamte Besetzung des Theaterstücks, außer den zwei „Wissenden“ (Eva Hofem und Daniela Mengdehl), die im Original von Oscar Wilde nicht vorkommen. Sie postieren sich wenig später am Rand der Bühne verharren dort.
Die übrigen Personen sitzen auf Stühlen im Halbkreis aneinandergereiht und schweigen. Alle tragen weiße Halbmasken, wie man sie aus venezianischen Karnevals kennt. In der Mitte des Halbkreises: Salome (Helena Michel), ganz in weiß.
So wie es los geht, geht es auch weiter und so endet es auch: Pathetisch. Verglichen mit der Bedeutung und der Wichtigkeit die es im Stück einnimmt, ein viel zu kleines Wort.
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Volks(Theater)Demokratie – Ibsens Volksfeind im Münchner Volkstheater

geschrieben von Sophia Schmid und Lena Fischer.

„Ich habe ja gesagt, dass ich von der großen Entdeckung sprechen will, […] dass alle Quellen unseres geistigen Lebens vergiftet sind und dass unsere gesamte bürgerliche Gesellschaft auf dem verpesteten Boden der Lüge aufgebaut ist.“

Am 25.11.2010 feierte das Stück „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen in der Regie von Bettina Bruinier am Münchner Volkstheater Premiere. In ihrer auf einer modernisierten Textfassung basierenden Inszenierung zeigt sie, wie moderne Demokratie funktioniert – oder besser: nicht funktioniert. Bruiner beschreibt das Spannungsfeld, in dem sich das moderne Individuum befindet: eigene Interessensdurchsetzung, Manipulation, Anpassungszwang und Unterordnung innerhalb einer demokratischen Gesellschaft.

Mit „Ein Volksfeind“ schrieb Henrik Ibsen 1882 das wohl erste „Öko-Drama“ der Theatergeschichte. Der Kurarzt Tomas Stockmann deckt in seiner Heimatstadt die Verunreinigung des Wassers auf, das die Einnahmequelle des kleinen Kur- und Badeorts darstellt. Um eine umfassende Sanierung des Kurbads einzuleiten, plant er einen aufklärenden Artikel in der lokalen Zeitung zu veröffentlichen. Zunächst scheinen deren Redakteur Hovstad und die Vertreterin der gewerbstätigen Mittelschicht, Frau Aslaksen, hinter ihm zu stehen. Als aber Peter Stockmann, Bürgermeister und Bruder des Kurarztes, bekannt gibt, wie viel der Umbau die Bürger kosten würde, steht Tomas Stockmann plötzlich mit seinen Plänen alleine da. Die Verunreinigung soll vertuscht werden. In seinem Kampf um die Sanierung ruft er eine Bürgerversammlung ein, von der er allerdings am Ende zum Volksfeind erklärt wird. Damit steht nicht nur Stockmanns eigene Existenz, sondern auch die seiner Familie und Vertrauten auf dem Spiel. „Volks(Theater)Demokratie – Ibsens Volksfeind im Münchner Volkstheater“ weiterlesen

Wunden der Kindheit

Children – in den Motiven plakativ und durchschaubar; unterstrichen durch die Musik beinahe banal, doch dank der Tänzer großartig und unglaublich ergreifend!

Kaum betritt Louis Lecavalier die Bühne, unterbricht ein Stroboskopeffekt, noch bevor man die Tänzerin erfassen kann, die Beobachtungen. Dazu schallt ein hoher bedrängender Ton aus den Boxen. Hektisch bewegt sich Lecavalier im grellen schwarz-weiß Licht, gebückt auf allen Vieren, durch den Raum. Plötzlich ändert sich die Licht- und Klangsituation. Das Licht wird wärmer, die Person erkennbar, doch der Stroboskopeffekt bleibt.

Aus der Kindheitserinnerung mit hinaus genommen, wird der Effekt nun durch den zweiten Tänzer, der mit einer Kamera in der Hand die Bühne betritt, durch das fotografieren produziert. Die Kamera ist auf Lecavalier gerichtet. Langsam läuft Patrick Lamothe auf sie zu. Fortwährend drückt er den Auslöser. „Wunden der Kindheit“ weiterlesen

Gründgens spricht

War Gründgens ein rücksichtsloser Karrierist, der im Nationalsozialismus seine Chance ergriff oder ein Unpolitischer, der mittels seiner Position Lücken im System suchte, um Künstlern und Verbündeten zu helfen?

Ein virtuelles Gespräch mit der Schauspiellegende Gustaf Gründgens

KW: Herr Gründgens, welche Stellung hatten das Theater und die Künstler Anfang der dreißiger und welche Entwicklung konnten Sie in der Zeit des NS-Regimes beobachten?

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Eine Kleinstadt erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Bayreuth: eine kleine Unistadt in Oberfranken. Unterm Jahr ist hier nicht viel los und so mancher Student spricht schon vom sogenannten „Bayreuthblues“. Doch einmal im Jahr kommen die schwarzen Limousinen und mit ihnen viele Kameras und Journalisten. Aber wie lebt der Otto-Normalbürger während der Festspielzeit?

Langsam füllen sich die Schaufenster der Bayreuther Geschäfte mit Rokokookleidern und hinter jeder zweiten Glasscheibe lächelt mir das Antlitz von Richard Wagner entgegen. In den Parks werden neue Blumen gepflanzt und Bauarbeiten versuchen die Baustellen in der Innenstadt so gut es geht zu verstecken.

Ich bin erst seit einem dreiviertel Jahr in Bayreuth und dieses Treiben erscheint mir ungewöhnlich. Alteingesessene erzählen mir jedoch, das sei ganz normal zur Festspielzeit. Jeder untermauert diese Aussage noch mit einer ganz persönlichen Geschichte: So regt man sich mir gegenüber auf, dass die Straße zum grünen Hügel jedes Jahr neu geteert wird, und das obwohl es andere Straßen in der Stadt viel nötiger hätten.

Ein anderer erzählt, dass es unmöglich sei zur Festspielzeit mit einem dutzend Eier bis zum Grünen Hügel zu kommen. Die Polizei hat wohl Angst, dass irgendein Geisteskranker die gut betuchten Festspielgäste mit Eiern bewirft. Dafür können die Bewohner der Straßen um das Festspiel schon mal einen Monat auf Omelett und Spiegelei verzichten.

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Warum ist der Mensch?

Der Frage nach dem Menschensein geht Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ nach. Und auch Miriam Locher stellt diese elementare Frage in den Mittelpunkt ihrer multimedialen Theaterinszenierung „Woyzeck – Entfremdet“.

Sich als Student an Klassiker wie „Woyzeck“ zu wagen mag für den einen anmaßend, für den anderen mutig sein. Immerhin setzt eine Interpretation des Stückes stets ein gewisses Verständnis voraus, das man den jungen Studenten nur selten zugestehen möchte. Um so logischer scheint es, das Stück neu zu interpretieren, was Miriam Locher tut.

Für „Woyzeck – entfremdet“ erstellt die Regisseurin eine eigene Textfassung, sodass am Ende noch 25 Minuten übrig bleiben. Neben einer erfrischend kurzen Textfassung trumpft Miriam Locher mit einem weiteren Highlight auf: sie verwendet nicht nur auf konventionelle Art und Weise Medien in ihrem Theaterstück, sie verbindet das Stück sogar im wörtlichen Sinne mit einem Computer.

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Es wird heiß: Aggregate

2. Juli 2010, KHG, 20:00.

Es ist bereits kurz vor acht, als die Tore zum Zuschauerraum geöffnet werden. In Reih und Glied tingelt das Publikum am Kartenabreißer vorbei, der zuvor schon an der Kasse gleich gegenüber saß und dieselben Karten unversehrt verteilte. Man nimmt Platz und langsam füllen sich die Reihen, bis keine Plätze mehr übrig sind, sich die Reihen aber immer noch füllen. Full House.

Dicht gedrängt sitzt man beinahe Arm in Arm und jegliche Zuluft wird verschlossen, bevor der erste Darsteller die Bühne betritt. Eines ist klar: es würde ein sehr schwüler Abend werden, zumal es einer jener Tage ist, an dem das Ozonloch ganz ganz groß erscheint.

Dass der Abend dann so heiß werden würde, ahnte wohl keiner.

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