Ars Vivendi Studiorum: Einfach nicht machen

Gerade als engagierter, übermotivierter Geisteswissenschaftler (1) muss man überall Abstriche machen. Man hat ja nie Zeit für irgendwas. Es ist natürlich wahr, was Naturwissenschaftler uns vorwerfen könnten – Wir haben nicht viel zu tun – aber wir schaffen es doch mit großer Kunstfertigkeit, damit unsere Wochen zu füllen. Natürlich steht kein Geisteswissenschaftler, der etwas auf sich hält, für eine Veranstaltung um acht Uhr morgens auf. Natürlich werden Professoren, die am Freitag Seminare halten wollen, mit Müll beworfen. Natürlich sitzen die Geschäftigsten von uns nur halb so lange in der Uni, wie beispielsweise unsere Kollegen in der FAN. Aber irgendwie schaffen wir es, diese drei Vorlesungsmonate, einen davor und einen danach, jeden Tag etwas anderes zu tun zu haben.

Was das alles ist, und wieso wir nicht einfach lieber daheim bleiben und Eier schaukeln ist ein anderes Thema. Man hat eben jede Menge „Projekte“ (2) am laufen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Dabei hört man von engagierten Dozenten oft den sehr richtigen Satz „Man muss eben Prioritäten setzen!“ Einige Sachen schafft man eben einfach nicht mehr. Wie zum Beispiel Vorlesungen.
Zeitmanagement (3) ist für den Engagierteübermotiviertengeisteswissenschaftler, der ja auch noch düstere Romane über Brüste schreiben muss und durch seine Performances im Hofgarten die Welt von der Konvention des selbstverschuldeten Hosenzwangs zu befreien versucht, eine lebensnotwendige Fähigkeit geworden.
Wie schafft er es also, der kleine Arsch, der offensichtlich der Meinung ist, dass er die Welt, die ja nur auf ihn gewartet hat, in einem Sturm einnehmen muss, (4) neben seinen wichtigen Verpflichtungen der Welt gegenüber auch noch sein Studium abzuschließen, das er ja nur braucht, um eine offizielle Beschäftigung zu haben, und danach qualifiziert zu sein, um das machen zu können, von dem er noch gar nicht weiß, was es eigentlich ist.

Klar. „Einfach nicht machen.“
Es ist eine hohe Kunst, die wohl nie jemand perfektionieren wird. Dinge einfach sein lassen. Der durchschnittliche Geisteswissenschaftler hat von seinem Studium keinen Plan, weil die Dozenten – ihres Zeichens selber Geisteswissenschaftler – auch nicht besser sind. Gerade diese Unwissenheit und natürlich die Überladung mit „freiwilligen Pflichten“ führen zu jede Menge Stress und einen frühen Tod durch Überdosis. „Einfach nicht machen“ ist die Lösung für all diesen Stress.
Wie viele Vorlesungen hat jeder einzelne, die es nicht schaffen, die persönlichen Anforderungen zu treffen, weil sie in ein Gebiet vordringen, das von dem, was man braucht, zu weit entfernt ist, oder das man einfach alles schon mal gehört hat. Einfach nicht hingehen! Hier brauchen die Leute wieder Catering – Catering braucht immer irgendwer, oder nicht? Dass sich jeder eine verdammte Wurstsemmel und ne Banane mitbringt, ist wohl zu viel zu erwarten. – für ihr letztes Projekt oder den Tag der viel zu offenen Tür und man ist der einzige, der da noch dreißig Minuten am Sonntag Zeit hat, um mal schnell siebenhundert Wurstsemmeln und drei Salate irgendwohin zu fahren, wo man noch nie war. Um Gottes Willen! Einfach nicht machen! Für die Übung „Absurde Texte lesen, die viel zu interdisziplinär sind, als dass sie irgendjemand verstehen könnte“ muss man unvorhersehbarer Weise noch einen absurden Text lesen, der viel zu interdisziplinär ist, als dass ihn irgendjemand verstehen könnte. Aber das Seminar ist in zwei Stunden, und man hat gerade erst seine Morgenmasturbation beendet und eigentlich sollte man nach einer Woche mal wieder duschen. Einfach nicht machen. Man muss sich selber nicht riechen und, solange man sich keine Spiegel leisten will, auch nicht sehen.
Durch das gezielte Nichtmachen von lästigen und meistens vollkommen überflüssigen Tätigkeiten kann sich sogar der Engagierteübermotiviertegeisteswissenschaftler von Drogen fernhalten.

Jetzt wäre es aber sehr schade, wenn dieses Konzept nur als anarchistischer Aufruf gegen universitäre Veranstaltungen gesehen wird. Darum ist es wichtig, dass man „einfach nicht machen“ nur mit dem Gegenpol „einfach machen“ einsetzen muss. Bei uns ist das angelsächsische Akronym FILDI (5) leider nicht bekannt. „Fuck it; Let’s do it!“ dechiffriert das immer praktische urban dictionary die fünf so aussagekräftigen Buchstaben. Und genau das muss sich jeder Student – wie jeder „selbstständige“ Mensch – irgendwann verinnerlichen. Um manche Dinge kommt man nicht drum herum. Dann ist „einfach nicht machen“ keine Option, dann muss man seinen FILDI-Drive anschmeißen und die Sachen eben „einfach machen“. Die Zeit, die man verwendet, um zu veröffentlichen, wie wenig man Lust darauf hat, es zu tun, verlängert den eigentlichen Vorgang tatsächlich um 83%. True Story. Während ich diesen Artikel geschrieben habe, musste ich beispielsweise zweimal völlig unmotiviert zur Arbeit gehen. Der erste Reflex war, mich zwei Stunden davor aufs Bett zu werfen und über mein ach so schlimmes Los zu klagen, dass ich den Abend damit verbringen muss (6) , Geld zu verdienen. Wenn ich diese Energie umleite und schlechte Artikel über meine persönliche Lebensweisheit verfasse, mache ich in der Zeit wenigstens irgendwas.

Liebe Leser, lasst euch einfach nicht ärgern. Wenn ihr ehrlich seid, interessiert sich doch niemand für eure Zwänge und Leiden. Jeder ist viel zu sehr mit seinen eigenen beschäftigt. (7) Wenn man sie aber einfach abhackt, indem man sich bewusst dazu entschließt, Dinge einfach zu machen oder eben nicht, kann auch der Engagierteübermotiviertegeisteswissenschaftler viel von seiner selbstkreierten Seelenscheiße mit dem Schweinekarren Richtung Hölle schicken und vielleicht die Zeit und Kraft gewinnen, ein wenig Gülle vom Nachbarn zu lagern. Und darum geht es doch. Genug Platz für die ganze Scheiße zu machen.

So say we all.


(1) Ich sage „Geisteswissenschaftler“, „engagiert“ und „motiviert“ was Lehrämtler natürlich ausschließt.

(2) Es ist ja inzwischen Mode, das Wort „Projekte“ zu verdammen, weil es eingebildet oder scheiße klingt. Fakt ist aber, dass Projekte eben Projekte sind, und sonst nichts. Mit einem Ziel, einem Anfang und einem Ende. So wie das Leben.

(3) Um ein weiteres Unwort zu nennen. Mein alter Kunstlehrer und Lebensmentor pflegte zu sagen „Manchmal ist weniger eben mehr.“ Die Kompetenz, in wenig Zeit einen ganzen Arsch voller Sachen erledigen zu können, ist die größte Errungenschaft des lebenslangen Weges „Erwachsen werden“.

(4) Erfahrungsgemäß klappt das bis Polen ganz gut, aber spätestens Russland hat noch keiner geknackt.

(6) „Muss“ ist wieder so eine Sache, die nur stört. Man muss gar nichts, auch wenn man nicht philosophisch wird. Entweder man will oder tut, oder eben nicht.

(7) „Duh!“-Erkenntnis, sponsored by the incredible Joss Whedon.

3 Gedanken zu “Ars Vivendi Studiorum: Einfach nicht machen

  1. Hey,
    was mir nicht gefällt:
    – Du sprichst von „dem“ Geisteswissenschaftler, quasi einer Spezies, einem Typus. Dieser Typus kommt bei dir gar nicht gut weg. Er ist faul, er stinkt und er hat „von seinem Studium keinen Plan“. Das einzige was ihn wohl etwas sympathisch erscheinen lässt, sind seine Projekte, sein Drang etwas zu verwirklichen. Nun, unnötig zu sagen, dass dies in keinster Weise der Realität entspricht.
    (Mir ist indessen nicht immer bewusst, ob und wann du ironisch-sarkastisch bist, und wann nicht)
    Dass du dein Plädoyer „Einfach nicht machen“ um „Fuck it, let´s do it“ erweiterst, verwirrt mehr, als dass es erklärt.

    Was mir gefällt:
    – Der Grundgedanke, sich bewusst für oder eben gegen gewissen Aktionen und Handlungen zu entscheiden.

    Gruß

  2. Ein gutes Thema! Es ist wichtig sich diese beiden Konzepte in Klausurenzeiten immer wieder bewusst zu machen =)

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